Die heimlich Macht der Neuronen

Oder – warum es der Natur des Menschen entspricht, Innovation und Veränderung zu vermeiden und wie es dennoch gelingt

Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern sich von alten Ideen zu befreien.“ (John Maynard Keynes)


Learnings vorab:

  1. Sich nicht verändern, nicht innovativ zu denken entspricht grundsätzlich der Natur des Menschen und ist ein biologisches „Energiesparsystem“ des Homo Sapiens – und somit aus Sicht der Neurowissenschaften, ein „Schutz“ für den Menschen. Veränderung und somit Innovation benötigen ein „Überlagern“ von alten Neuronenverbindungen, um wirksam zu werden und es braucht starke Impulse, um die Neuronen zur Ausbildung von neuen Verbindungen zu bewegen und ggf. alte aufzulösen.
  2. Menschen verändern sich langfristig nur in der Wiederholung und durch eigenes Handeln, denn es braucht wiederholtes „Feuern“ von Neuronen in Richtung der zu aktivierenden Zellen, damit sich neue Routinen entwickeln.
  3. Das gilt auch für Digitale Transformationen und Innovation im Unternehmen. Nachhaltige Innovation ist dann möglich, wenn die einzelnen Mitarbeiter innnovativ handeln und agieren und dieses Handeln durch authentische, „persönliche“, die Neuronen „überzeugende“ Impulse ausgelöst wird.
  4. Erste Impulse, anders als es Routinen entspricht zu agieren, gelingen nur, wenn sie den Prinzipien entsprechen, warum Menschen sich engagieren und zufrieden agieren: Dazu gehören authentische Ziele, die Möglichkeit selbstwirksamen Handelns etc.

Routinen und neuronale Autopiloten

Unser Gehirn ist eine fantastische Angelegenheit. Es sorgt dafür, dass wir lernen und Routinen entwickeln, die uns helfen, den Alltag zu bewältigen. Was pas­siert genau? Wir treffen jeden Tag bis zu 100.000 Entscheidungen. Für Entscheidungen oder Handlungen, die neu sind, die anders sind, als das Gewohnte, muss das Gehirn neue Netzwerke anlegen, Botenstoffe und Signalkaskaden in Sekundenschnelle hochfahren und andere Körperfunktionen drosseln. Aus „Energiespargründen“, versucht der Körper, genau das zu verhindern.

 

Konkret: Neuronen in unserem Gehirn schicken („feuern“) über Sy­napsen Neurotransmitter, also Signale, an an­dere Zellen, um diese zu aktivieren. Das kostet Energie. Unsere Neuronen jedoch sind darauf ausgerichtet Energie zu sparen. Aus diesem Grund hat die Biologie des Homo Sapiens eine Strategie entwickelt: Wenn die Neuronen eine bestimmte Zelle mehrfach aktivieren, also mehrfach Neurotransmitter zu diesen Zellen schicken verbinden, sie sich dauerhaft mit dieser Zelle – denn die Aktivierung von Zellen über fixe Verbindungen kostet viermal weniger Energie.

„What fires toge­ther, wires together“ (Hebb’sche Regel).

Diese energiesparenden Verbindungen nehmen wir als Rou­tinen wahr, also quasi „automatisierte“ Muster. Unser Gehirn präferiert eindeutig den Modus „Autopilot“.

Aber - dieses Energiesparsystem des Körpers wird in Situationen zum Problem. Denn für Menschen generell bedeutet jede Veränderung (sei es Corporate Change, Einsatz neuer Technologien, die Herausforderung mit Innovationen umzugehen etc.), ein Eingriff in lang erprobte und bewährte Rou­tinen. Unsere „faulen“ Neuronen „meckern“. Sie müssten neue Neuronenverbindungen aufbauen, die vorhandene überlagern – also bereits investierte Energie wird aus Sicht der Neuronen „verschwendet“.

Damit wird deutlich, dass Veränderung, Innovation und auch Neues zu entwickeln nicht einfach auf Zuruf passieren kann oder indem man eine allgemeingültige Unternehmensvision, allgemeingültige Ziele, einen vermeintlich allgemeingültigen „Sense of Ur­gency“ oder „Sense of Excitement“ schafft – denn so können die Neuronen des Individuums nicht akti­viert werden.

Und es geht doch – Neuronalen Autopiloten eine neue Richtung geben

Die guten Nachrichten. Diese neuen Routinen aufzubauen ist möglich. Und: Auch innovativ zu denken, Neues umzusetzen ist eine Routine, die aufgebaut werden kann. Die schlechte Nachricht - unsere „faulen“ Neuronen unterstützen dieses Bestreben nicht. Grund: Um Routinen zu überwinden, müssen sie von neuen Routinen überlagert werden. Diese aufzubauen kostet den Körper erneut Energie. Für unsere auf Energie sparen ausgerichteten “faulen Neuronen” gibt es keinen Grund diese aufzubauen. Sie “weigern” sich, starke, neue Routinen zu bilden.

 

Deutlich wird, dass es, für den Einzelnen hochrelevant Impulse und wiederholt Impulse braucht, um konstante Routinen auszubilden.

 

Wie die starken Impulse, die die Neuronen anregen andere Zellen zu „Befeuern“, charakterisiert sein müssen, erklärt die Psychologie und hier insbesondere die Positive Psychologie und die Motivationsforschung.

Konkret: So fahren neuronale Autopiloten Richtung „Ideen entwickeln und umsetzen“

Menschen agieren dann engagiert, wenn…

  • … sie authentische, für sie akzeptierbare Ziele ha­ben, also Ziele, die zu Ihnen passen, mit denen sie sich identifizieren und die zu persönlichen (Wert-) Vorstellungen, Zielen, Wünschen und Kompetenzen passen.
  • … selbstwirksam agieren können, das heißt, Dinge selber in die Hand nehmen können („des eigenen Glückes Schmied sein können“).
  • … ihre Kompetenzen einsetzen können - und dafür Feedback erhalten.
  • … sie sich für etwas – aus ihrer Sicht – Großes enga­gieren können, etwas Neues, Relevantes bewegen können.

Im Kontext von Innovation und Veränderung und müssen also möglichst diese Faktoren gegeben sein, um neue Routinen zu ermöglichen bzw. Veränderung insgesamt möglich zu machen.

 

Ein zweiter wesentlicher Faktor: Unser Unterbewusstsein. Nur wenn „Kopf und Bauch“ stimmig agieren, lassen sich alten Routinen nachhaltig überlagern. Das ermöglichen Werkzeuge des ressourcenorientierten Selbstmanagements. Und es sind auch Werkzeuge des ressourcenorientierten Selbstmanagements, die das für die Nachhaltigkeit so wichtige „Wiederholte Feuern“ möglich machen. So gelingt nicht nur das „Befreien von alten Ideen“, wie Keynes es formuliert, sondern auch der nachhaltige Aufbau „neuer Ideen“.